27. April 2014

(zu den Vorbemerkungen von R. Safranski: Goethe Kunstwerk des Lebens)

Hier lese ich: heute sei die große Stunde des Konformismus durch die Vernetzung aller mit allen, wodurch die Entstehung von Individualität nicht begünstigt werde.

Ein Blick in ein Café, in eine Straßenbahn, in die Wohnzimmer und es wird klar: dort wird immer weniger etwas gemeinsam gemacht, jeder hat irgendwie am meisten mit sich zu tun, das gegenüber Geschehene wird kaum wahrgenommen – das einzige, was konform läuft, ist die sich überall durchsetzende Individualität, in der das reelle Miteinander immer weniger Aufmerksamkeit bekommt dank I- und Smartphone, I pad und -pod, PC, TV… Selbst die Schrift wird den Schülern heute als eine unverbundene, also in ihre einzelnen Buchstaben zerfallende, beigebracht, ein deutlich sichtbares Symbol der alle Bereiche erfassenden Individualität…- ungeteilte Vereinzelung.

Hier geh ich nicht konform mit der Ansicht des Wissenschaftlers (und wäre dennoch in seinem Sinne auf dem besten – goethischen – Weg). Vielleicht hätte der Professor seinen Begriff von Individualität zunächst besser erläutert, weil es wieder zur Verwirrung kommt.

Goethe konnte auch wunderbar ignorieren, er wollte den Umfang seines Lebenskreises selbst bestimmen, lese ich. – Dann wären besonders die jüngeren Mitglieder unserer Gesellschaft echte Goethe-Nachahmer. – Mir kommen Zweifel, ob der Autor es so meint, insbesondere wenn er uns auffordert, einen gelungenen geistig-seelischen Stoffwechsel mit der Welt am Beispiel Goethes zu lernen.

Der Einstieg in das Werk von R. Safranski fällt mir schwer. Es zeigt sich, wie schnell es zu Missverständnissen kommt, bei undeutlicher Ausdrucksweise.

Worum geht es dem Autor? Er möchte, dass ich mich und meine Zeit im Spiegel Goethes besser verstehe.

Ich frage mich, warum mich ein in jeder Hinsicht vom Schicksal begünstigter Mensch interessieren sollte, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, seinem Leben den Charakter eines Werkes zu geben, da ihn das Zufällige und Gestaltlose mit Schrecken erfüllte. – – – Ein Augenblick, in eine Form gebracht, ist gerettet. Auch wenn es nur Gekritzel ist an der Wand einer Berghütte, meint R. Safranski.

Nebenbei: Sind wir nicht alle Begünstigte, die wir es uns leisten können, solche Fragen zu stellen?

Dennoch: ich bin nun motiviert, mit dem folgenden Gekritzel meinem Leben eine Form zu geben in dem Augenblick des Lesens einer Biografie über einen Menschen, dem das gelungen ist.

Meinten Goethe und R. Safranski das Gleiche mit dem geretteten Augenblick?  Augenblick – Form – Rettung. Ein geformter Augenblick, wie sieht der aus?

Goethe hatte es bereits in seinem Vermächtnis mitgeteilt: Genieße mäßig Füll und Segen, / Vernunft sei überall zugegen, / Wo Leben sich des Lebens freut. / Dann ist Vergangenheit beständig, / Das Künftige voraus lebendig, / Der Augenblick ist Ewigkeit. (BA 1,542)

Nun – wenn ich dereinst die neue Goethe-Biografie gelesen habe, werde ich wissen, wie ihr Autor es gemeint hat, hoffe ich.

27. April 2014

Die neue Goethe – Biografie des R. Safranski, der (fast) jedermann allerhöchste Anerkennung zollt und die vom Weimarer Klassik-Präsidenten Hellmut Seemann “ganz oben in der Bewertungskala” verortet wird (TLZ vom 14.9.2013), verdient wohl einige Aufmerksamkeit.

Dem hohen Anspruch gerecht werdend, nähere ich mich dem Werk R. Safranskis – von hinten. Ehrfurchtsvoll blicke ich auf die vielen Seiten mit dem Verzeichnis der verwendeten Literatur, das mir alle Achtung abringt, denn es ist selbst für einen sich hauptberuflich mit Literatur/Philosophie Beschäftigten nicht unbedeutend. R. Safranski verspricht, sich Goethe ausschließlich aus den primären Quellen – Werke, Bücher, Tagebücher, Gespräche, Aufzeichnungen von Zeitgenossen – zu nähern. Immerhin wird Friedrich Nietzsche mit seinen sämtlichen Werken (15 Bände!) herangezogen, ebenso Immanuel Kant mit seinem 12-bändigen Werk. Dafür verzichtet der Autor ganz auf die zwei Bände Goethes Briefwechsel mit seinem Sohn August von Gerlinde Ulm-Sanford (2005 erschienen). - Ich bin schon jetzt verwirrt: der Autor scheint mit der Doppelbedeutung des Wortes ausschließlich zu spielen.

Zuerst mache ich das zugegeben ganz und gar nicht zulässige Buch-Stechen: indem ich willkürlich eine Seite aufschlage und den Finger auf eine Stelle halte. (Das ist ganz im Sinne es 21. Jahrhunderts, in dem sich die zivilisierten Menschen erst durch die Programme zappen, bevor sie sich für eines entscheiden.) Da steht: Zelter konnte aufatmen. Es macht etwas neugierig zu wissen, warum Zelter wieder frei atmen konnte. Der kurze Absatz klärt auf: Goethe hatte 1812 Beethoven in Teplitz getroffen: Man wechselte auch ein paar Briefe, doch es blieb beim höflichen Umgang. Zelter konnte aufatmen. Der fogende Satz teilt mit, dass Goethe nach Marienbad reiste. – Von exzellentem Schreibstil war irgendwo die Rede gewesen.

Ich sollte doch ganz klassisch vorn beginnen…

Nach einer Vorbemerkung kündigt das erwartungsgemäß lange Inhaltsverzeichnis Goethes Leben in 34 Kapiteln an. Der Inhalt dieser Kapitel wird stichwortartig ohne weitere Seitenangabe genannt: z.B. Schwierige Geburt mit erfreulichen Folgen (aus 1.Kap.), Jung-Stilling. Psychologie der Erweckung und des Schöpferischen (aus 5.Kap.), Freundschaftsfeier. Die zwei Geschwindigkeiten (aus 10.Kap.), Goethes Tao (aus 15.Kap.), Zusammen mit Moritz die Autonomie der Kunst neu begriffen (aus 19.Kap.), Metaphysik und Physik der Geschlechterliebe (aus 28. Kap.), Vom Himmel durch die Welt zur Hölle und wieder zurück (aus 33.Kap.) – bis zur Schlußbetrachtung oder Werden der man ist sind es 645 Seiten.

Schaun wir mal, wie mich der Literaturwissenschaftler und Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin im Zeitalter der Plagiate, von denen auch ein Verteidigungsminister, ja sogar eine Bildungsministerin Gebrauch machen, zu neuen Erkenntnissen führt. Immerhin ist Herr Safranski seit kurzem Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung.

27. April 2014
Anna J. Rahn, jalara, Goethe, Frühling, Juno, Natur

J.W.Goethe
Allerdings
(BA 1, 556)

28. März 2014

 

In dem Verständnis der Kommentatoren erfahre ich, dass Faust der Protagonist der Moderne ist, das von Panik getriebene Subjekt, panisch vor Angst, dem Moment des Verweilenwollens nicht entrinnen zu können, ein närrischer Dilettant, ein Zerstörer, ein Gejagter auf der Jagd, ein Mann ohne inneren Halt, ohne stabiles Wertesystem, dem der Glanz des besonderen Einzelnen im letzten Jahrhundert abhanden gekommen ist.(B.Seidel)

Er ist ein Held ohne Charakterkonstanz und personale Identität, rücksichtslos egozentrisch, ein freudloser Verderbenbringer, dessen Unternehmungen unentwegt scheitern und ausnahmslos in die Katastrophen führen, cholerisch aufbrausend, maßlos übertreibend, lachhaft großsprecherisch. (A.Schöne)

Zwischen den Polen Begierde und Genuß entpflichtet sich Faust der Beständigkeit menschlicher Beziehungen und der Treue, er ist kein Handelnder, der sich für eine konkrete Tat zu entscheiden vermag.(W.Keller)

Seine Wette auf Unglücklichsein, seine über das Menschenmögliche hinaus gerichteten Bestrebungen und das ängstliche Vermeiden eines erfüllten Lebens sind charakteristisch für ihn. (P.Klee)

Als unentwegt Strebender agiert er im Dienst der teuflischen Seinsnegation. Er ist der moderne Pathetiker mit einem verzweiflungsvollen und destruktiven Furor, der moderne technische und wissenschaftliche Pfuscher, der sich anschickt, ohne Kenntnis der Naturgesetze und ohne Geduld für das anschauende Studium der Natur, die Welt im Sinne seiner pathetischen Imagination zu kolonisieren und bei diesem maßlosen Unterfangen das ultimative Desaster herbeiführt.(M.Jaeger)

Da fragt man sich ernsthaft, warum der HERR meint, dass sich der Teufel ausgerechnet an diesem in jeder Hinsicht desolaten Menschen die Zähne ausbeißen wird… Es handelt sich ganz ohne Zweifel um eine psychiatrisch therapiebedürftige hochgestörte schizoide und sogar gefährliche Person. Mephisto wird zum Heilsbringer, er verkörpert das allmächtig erscheinende ökonomische und soziale Prinzip. ( B.Seidel)

Das ist doch mal eine Interpretation ganz im Sinne unserer Zeit – die zweifellos auch im Dienst ihrer ideologischen Instrumentalisierung steht (A.Schöne). Wenn sich Bedeutungszusammenhänge komplett verändert und die Wertigkeiten verschoben (B.Seidel) haben, wird das Opfer zum Täter gemacht.

An keiner Stelle wird in diesem Heftchen danach gefragt, was Faust denn im Sinn hatte, als er den schönen Augenblick, an dem er gern verweilen möchte, in die Waagschale seines Lebens warf. An keiner Stelle wird darauf hingewiesen, dass nur ein auf das Gemeinwohl gerichtetes Handeln am Ende die Erkenntnis und Erfüllung seines Strebens ist. – Warum wohl? Lesen können doch alle diesen sehr klaren Prolog im 5.Akt des zweiten Teils. Freilich sind Lesen und Verstehen nicht gleichbedeutend.

Dieses universale Werk Goethes hat soviele Ebenen… Nicht der Glanz des Faust ist abhanden gekommen, der Erkenntnishorizont ist enger geworden, die zunehmende Vereinzelung in absolut jeder Beziehung – kulturell, gesellschaftlich, wissenschaftlich, zwischenmenschlich – verhindert den Blick auf größere Zusammenhänge.

Trotz des Fortschritts sind wir ärmer dran als vor 200 Jahren. Goethe muss noch weiter warten, bis die vollendete Gestalt seiner verdichteten Erkenntnisse wahrgenommen und nicht mehr von des Augenblicks wilder Gewalt verschlungen wird.

 

26. März 2014

 

Was ist das hier? – Wer seid ihr hier? – Was wollt ihr da?

Ein großer Aufwand, schmählich! Ist vertan; …

 

Wie ich gehört habe, ist der General-Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar bestrebt, sein Haus mit seinen tätigen Mitarbeitern wie eine Familie zu führen und darin auch sein Publikum einzubeziehen. Letzteres macht von der Gelegenheit, sich dem Stück durch die Einführung vor Beginn der Vorstellung zu nähern, dankbar Gebrauch. Allerdings sind Schwerbehinderte davon ausgeschlossen, weil es für sie keine Möglichkeit gibt,  höhere Ebenen zu erreichen.

Unbefangen und überrascht vernahm ich durch den Mund der Dramaturgin das Anliegen und das Verständnis der neuen Faust-Inszenierung – ein Antrittsgeschenk des die Regie führenden Intendanten: die Wahrnehmung des Faust habe sich vom Fortschrittsgedanken verschoben in Richtung Nachhaltigkeit und Entschleunigung, der Zeitgenosse Faust integriere sich in die kapitalistischen Verhältnisse und schließe im Glauben, Gott zu sein und sich selbst kontrollieren zu können, eine Wette mit sich selbst, der erscheinende Erdgeist wird zur Halluzination eines suizidalen, Drogen konsumierenden Faust, der von seinem Schüler mit neuen Drogen versorgt wird, den Tod klammere Faust aber aus seinem Lebenskonzept aus, in der zeitreflektiv an die französische Revolution erinnernden Hexenküche werden nach Schönheitsoperationen Amphetamine und Viagra verteilt, Faust handle in Bezug auf Gretchen verantwortungslos, gierig und mache sich absolut schuldig, diese befinde sich in einem Emanzipationsprozess…

Dass diese Verwirrung steigerungsfähig war, habe ich nicht vermutet und so stellte sich mit jeder neuen Szene Ernüchterung, Enttäuschung schließlich gar Langeweile ein.

Das lag weniger an dem grob minimalistischen Bühnen“bild“, vielmehr an der fantasielosen Umsetzung einer solchen Reduktion, den ungenutzten Möglichkeiten, die Beleuchtung, Musik und Videoprojektionen bieten könnten, um den Kern einer Aussage zu fokussieren.

Ein sich entwickelndes Unbehagen wurde verstärkt durch die ermüdenden „Effekte“ undeutlicher Worte aus der Tiefe des Bühnenraumes, durch sich wiederholende fragwürdig komische Einlagen und ein über weite Strecken schwerfälliges Spiel, das einem Schultheater kaum Konkurrenz machte. Was sich abspielte, entsprach weder dem in der Einführung mitgeteilten „Verständnis“ noch in irgendeiner Facette Goethes eigentlichen Aussagen.

Die Schauspieler blieben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, ihre angestrengt wirkenden und sich wiederholenden Clownesken, konnten in ihrer Undifferenziertheit den Gehalt der Inszenierung nicht erhöhten.

Die Erkenntnis, dass es eine Illusion ist, zu vermuten, dass ein Theaterdirektor dem Anspruch seines geehrten Vorgängers und Gründers mit seiner Faust-Inszenierung gerecht werden könnte und mit Einsichten in die „im gesamten Werk verstreut liegenden Geheimnisse“ vertraut sein würde, zumal nach einer mehr als 8 Jahre währenden Beschäftigung mit diesem Thema, ist die eigentliche Bilanz dieser Vorstellung.

Diese Art Theater befestigt das Chaos, den Werteverfall und die Orientierungslosigkeit in und um uns, da wo Einsicht und Bildung dringend notwendig wären. Es ist destruktiv, weil es uns vormacht, dass sowohl die Alten in der Vergangenheit auf der Suche nach einem erfüllten Leben keine Antwort gefunden hätten und scheiterten, die Gegenwärtigen und Zukünftigen ebenso scheitern werden und müssen, weil sie nirgendwo eine vernünftige Alternative sehen können.

Damit gräbt sich das Theater erfolgreich sein Grab, denn es nutzt seine einzigartigen Chancen in einer Welt unüberschaubarer Möglichkeiten der Unterhaltung und Zerstreuung nicht.

Die Kritiken zu dieser Inszenierung gleichen größtenteils den Bemerkungen zu des Kaisers neuen Kleidern.

Goethe ist aktueller denn je – doch das erschließt sich nur dem Eingeweihten, diese Weihe auch einem selbstbestimmten Publikum zuzutrauen wäre eine Chance gewesen…

www.nationaltheater-weimar.de/faust