2) Vorbemerkungen

(zu den Vorbemerkungen von R. Safranski: Goethe Kunstwerk des Lebens)

Hier lese ich: heute sei die große Stunde des Konformismus durch die Vernetzung aller mit allen, wodurch die Entstehung von Individualität nicht begünstigt werde.

Ein Blick in ein Café, in eine Straßenbahn, in die Wohnzimmer und es wird klar: dort wird immer weniger etwas gemeinsam gemacht, jeder hat irgendwie am meisten mit sich zu tun, das gegenüber Geschehene wird kaum wahrgenommen – das einzige, was konform läuft, ist die sich überall durchsetzende Individualität, in der das reelle Miteinander immer weniger Aufmerksamkeit bekommt dank I- und Smartphone, I pad und -pod, PC, TV… Selbst die Schrift wird den Schülern heute als eine unverbundene, also in ihre einzelnen Buchstaben zerfallende, beigebracht, ein deutlich sichtbares Symbol der alle Bereiche erfassenden Individualität…- ungeteilte Vereinzelung.

Hier geh ich nicht konform mit der Ansicht des Wissenschaftlers (und wäre dennoch in seinem Sinne auf dem besten – goethischen – Weg). Vielleicht hätte der Professor seinen Begriff von Individualität zunächst besser erläutert, weil es wieder zur Verwirrung kommt.

Goethe konnte auch wunderbar ignorieren, er wollte den Umfang seines Lebenskreises selbst bestimmen, lese ich. – Dann wären besonders die jüngeren Mitglieder unserer Gesellschaft echte Goethe-Nachahmer. – Mir kommen Zweifel, ob der Autor es so meint, insbesondere wenn er uns auffordert, einen gelungenen geistig-seelischen Stoffwechsel mit der Welt am Beispiel Goethes zu lernen.

Der Einstieg in das Werk von R. Safranski fällt mir schwer. Es zeigt sich, wie schnell es zu Missverständnissen kommt, bei undeutlicher Ausdrucksweise.

Worum geht es dem Autor? Er möchte, dass ich mich und meine Zeit im Spiegel Goethes besser verstehe.

Ich frage mich, warum mich ein in jeder Hinsicht vom Schicksal begünstigter Mensch interessieren sollte, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, seinem Leben den Charakter eines Werkes zu geben, da ihn das Zufällige und Gestaltlose mit Schrecken erfüllte. – – – Ein Augenblick, in eine Form gebracht, ist gerettet. Auch wenn es nur Gekritzel ist an der Wand einer Berghütte, meint R. Safranski.

Nebenbei: Sind wir nicht alle Begünstigte, die wir es uns leisten können, solche Fragen zu stellen?

Dennoch: ich bin nun motiviert, mit dem folgenden Gekritzel meinem Leben eine Form zu geben in dem Augenblick des Lesens einer Biografie über einen Menschen, dem das gelungen ist.

Meinten Goethe und R. Safranski das Gleiche mit dem geretteten Augenblick?  Augenblick – Form – Rettung. Ein geformter Augenblick, wie sieht der aus?

Goethe hatte es bereits in seinem Vermächtnis mitgeteilt: Genieße mäßig Füll und Segen, / Vernunft sei überall zugegen, / Wo Leben sich des Lebens freut. / Dann ist Vergangenheit beständig, / Das Künftige voraus lebendig, / Der Augenblick ist Ewigkeit. (BA 1,542)

Nun – wenn ich dereinst die neue Goethe-Biografie gelesen habe, werde ich wissen, wie ihr Autor es gemeint hat, hoffe ich.

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