7) Zweites Kapitel (Fortsetzung und Ende)

Gestern machte das mir die Welt zur Hölle, was sie mir heute zum Himmel macht. Hier werden wir Zeuge des Vorgangs, wie aus dem Fluß des enthemmten Schreibens ein bedeutungsvoll glänzender Satz emporsteigt, um dann im inneren Archiv für spätere literarische Verwendung aufbewahrt zu werden, findet Herr Safranski heraus, denn dieser Satz würde als geflügeltes Wort im Werther wiederkehren.

R. Safranski gibt nicht an, in welchem Brief der junge Werther das schreibt. Der vollständige Text dieses Zitates aus einem Brief an Behrisch vom 11.11.1767 scheint mir weniger ein Hinweis auf einen emporsteigenden glänzenden Satz zu sein: Gestern machte das mir die Welt zur Hölle, was sie mir heute zum Himmel macht – und wird so lange machen, bis es mir sie zu keinem von beyden mehr machen kann. (WA IV.1,141) Hier werden wir Zeuge, dass diese Leidenschaft Goethe an seine körperlichen und mentalen Grenzen führen wird und weniger in einem Satz endet, der in einem inneren Archiv aufbewahrt werden soll für spätere literarische Verwendung.

Ein Jahr zuvor hatte Goethe seine verworrenen Umstände seinem Freund Moors mitgeteilt: […] was hat alsdenn meine Liebe für eine schechtenswürdige Seite? Was ist der Stand? Eine eitle Farbe die die Menschen erfunden haben, um Leute die es nicht verdienen mit anzustreichen. Und Geld ist ein ebenso elender Vorzug in den Augen eines Menschen, der denkt. Ich liebe ein Mädgen, ohne Stand und ohne Vermögen, und jetzo fühle ich zum allererstenmale das Glück das eine wahre Liebe macht. Ich habe die Gewogenheit meines Mädchens nicht denen kleinen elenden Trakasserien des Liebhabers zu danken, nur durch meinen Charakter, nur durch mein Herz habe ich sie erlangt. Ich brauche keine Geschenke um sie zu erhalten […] Das fürtreffliche Herz meiner S. ist mir Bürge, daß sie mich nie verlassen wird, als dann wenn es uns Pflicht und Nothwendigkeit gebieten werden uns zu trennen. Solltest du nur dieses fürtreffliche Mädchen kennen, bester Moors, du würdest mir diese Thorheit verzeihen, die ich begehe, indem ich sie liebe. Ja sie ist des größten Glücks werth, das ich ihr wünsche, ohne jemals hoffen zu können etwas dazu beyzutragen. (WA IV.1,60 f.)

Diese anfänglich vor seinen Freunden geheim gehaltene Liebe hatte Goethe seiner Schwester gegenüber wie nebenbei erst am 11.5.1767 erwähnt: la petite Schoenkopf. (WA IV.1,86) Goethe erlebte die Zustände zwischen himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt nicht schreibend als einen zusätzlichen Kitzel. Der 18-Jährige hatte nur seinen älteren Freund Behrisch, dem er sich offenbarte, doch dieser antwortete in immer größer werdenden Abständen. Goethe musste irgendwie selbst damit fertig werden.

Nach der Beendigung dieser schwebenden Pein im April 1768, schien er erleichtert: Es war ein schröcklicher Zeitpunckt bis zur Erklärung, aber sie kam die Erklärung und nun – nun kenn ich erst das Leben. Sie ist das beste, liebenswürdigste Mädgen, nun kann ich dir schwören, daß ich nie nie aufhören werde das für sie zu fühlen was das Glück meines Lebens macht […] Wir haben mit der Liebe angefangen und hören mit der Freundschaft auf. Doch nicht ich. Ich liebe sie noch, so sehr, Gott so sehr. (an Behrisch,WA IV.1,159)

Einen Monat zuvor hatte Goethe noch geschrieben: […] ich kann ich will das Mädgen nie verlassen, und doch muss ich fort, doch will ich fort; Aber sie soll nicht unglücklich seyn. Wenn sie meiner wehrt bleibt, wie sie’s jetzt ist! Behrisch! Sie soll glücklich seyn. Und doch werd’ ich so grausam seyn, und ihr alle Hoffnung benehmen. Das muss ich. Denn wer einem Mädgen Hoffnung macht, der verspricht. Kann sie einen rechtschaffnen Mann kriegen, kann sie ohne mich glücklich leben, wie fröhlich will ich seyn. Ich weiß was ich ihr schuldig bin, meine Hand und mein Vermögen gehört ihr, sie soll alles haben, was ich ihr geben kann. Fluch sey auf dem, der sich versorgt eh das Mädgen versorgt ist, das er elend gemacht hat. Sie soll nie die Schmerzen fühlen, mich in den Armen einer andern zu sehen, bis ich die Schmerzen gefühlt habe, sie in den Armen eines andern zusehen, und vielleicht will ich sie auch da mit dieser schröcklichen Empfindung verschonen. (WA IV.1,157)

Dass diese Verwirrung an die Substanz gehen mußte, weil sich hier keine Lösung anbot, zeigen die vagen Andeutungen eines gefühlten Sterbens, auch in dem sehr kurzen Brief an Behrisch vom Mai 1768: ich gehe nun täglich mehr Bergunter. 3 Monate noch Behrisch, und darnach ist’s aus. Gute Nacht ich mag davon nichts wissen. (WA IV.1,160)

Die lebensgefährliche Krankheit kam Ende Juli 1768 mit einem Blutsturz. In Dichtung und Wahrheit bekannte Goethe: so schwankte ich mehrere Tage zwischen Leben und Tod, und selbst die Freude an einer erfolgenden Besserung wurde dadurch vergällt, daß sich, bei jener Eruption, zugleich ein Geschwulst an der linken Seite des Halses gebildet hatte, den man jetzt erst, nach vorübergegangener Gefahr, zu bemerken Zeit fand. Genesung ist jedoch immer angenehm und erfreulich, wenn sie auch langsam und kümmerlich vonstatten geht, und da bei mir sich die Natur geholfen, so schien ich auch nunmehr ein anderer Mensch geworden zu sein: denn ich hatte eine größere Heiterkeit des Geistes gewonnen, als ich mir lange nicht gekannt, ich war froh, mein Inneres frei zu fühlen, wenn mich gleich äußerlich ein langwieriges Leiden bedrohte. (HA 9,330 f.)

Dies habe ich ausführlich berichtet, weil es ein eindeutigeres Licht auf eine Zeugenschaft wirft, als ein glänzender Satz, den der Biograf für so bedeutend hielt. Diese Liebesgeschichte sollte nachhaltig auf Goethe wirken. Dass es sich bei Werthers Lotte nicht um jene Lotte Buff/Kestner handeln wird, ist unzweifelhaft…. Denn seinen Werther schrieb Goethe nicht mit heiler Haut, wie er später zugab.

Damit beende ich dieses Kapitel, nicht ohne zu bemerken, dass es mich doch einigermaßen befremdet, wie locker, um nicht zu sagen: unklar der Literaturwissenschaftler mit seinem gewählten Stoff umgeht. Die im ersten Kapitel gemachten Andeutungen hat er übrigens nicht wieder aufgenommen, und die heikle Beziehung zu seiner Schwester steht nach wie vor im Raum. Das wäre doch einen professoralen Kommentar wert gewesen, denn K.R.Eisslers zweibändiges Werk zu diesem Thema wird im Literaturverzeichnis angeführt. Den entstandenen Eindruck einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung möchte ich allerdings bis zu dieser Zeit entkräften:

Quelle: www.lesung.podspot.de/post/56-johann-wolfgang-von-goethe-an-meine-mutter

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