5) Erstes Kapitel (Fortsetzung und Ende)

Ich kann es nicht leugnen, daß ich ihn oft und gern gesehen habe; aber ich habe ihn immer als ein Kind betrachtet und meine Neigung zu ihm war wahrhaft schwesterlich, zitiert R. Safranski die Aussage von Gretchen, der ersten Liebe des Johann Wolfgang, und kommentiert weiter: der Verliebte empfand das als eine solche Kränkung, daß er darüber krank wurde. Er konnte kaum mehr schlucken und steigerte sich in Weinen und Rasen hinein.

Bei Goethe heißt es:  […] daß sie mich für ein Kind zu den Akten erklärt, nahm ich ganz entsetzlich übel, und glaubte mich auf einmal von aller Leidenschaft für sie geheilt, ja, ich versicherte hastig meinen Freund, daß nun alles abgetan sei! […] Ich ermannte mich wirklich, und das erste, was sogleich abgetan wurde, war das Weinen und Rasen, welches ich nun für höchst kindisch ansah. Ein großer Schritt zur Besserung! (HA 9,220f.)

Die enttäuschende Zurückweisung Gretchens machte ihn also nicht krank, sondern gesund. Tatsächlich krank geworden war Johann Wolfgang vorher durch eine Situation, in die er unschuldig hinein geraten war und durch die daraus entstandenen unlösbaren Konflikte: (vermeintliche) Freunde verraten zu müssen, Gretchen darin verwickelt zu sehen und das Geheimnis um die sich gerade entwickelnde Leidenschaft zu dem älteren Mädchen vor der Aufdeckung bewahren zu wollen.

Die dramatische Geschichte der ersten Liebe erzählt Goethe eindrucksvoll im 5. Kapitel von Dichtung und Wahrheit, eingepackt in die Beschreibung der alle Einwohner Frankfurts in höchste Erregung versetzenden Krönungsfeierlichkeiten für den römisch-deutschen König Joseph II am 3. April 1764. (Joseph II war der Sohn von Maria Theresa und Franz I. Nach dem Tod des Vaters 1765 wurde er Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.) Johann Wolfgang Goethe war da 14 Jahre alt. Es gibt keinen Grund, die Glaubhaftigkeit zu bezweifeln, weil es keine weiteren Quellen dazu gäbe. Dass Goethe keine Namen nennt, ergibt sich aus der Geschichte selbst, denn es war anzunehmen, dass jene Jugendfreunde von Stande (HA 9,218) zu dem Zeitpunkt des Aufschreibens noch lebten und auch nicht nachträglich in Misskredit geraten sollten. Dass diese erste ganz unschuldige Liebe ihre lebenslange Wirkung nicht verlieren wird, sollte ein aufmerksamer Biograf gewiss entdecken.

R. Safranski meint nun, dass die Gretchen-Geschichte ihn aus sich selbst herausgesetzt hatte, und dass es mit dem noch halb kindlichen, naiven Selbstvertrauen vorbei war, da sich Johann Wolfgang jetzt beobachtet fühlte.  Noch einmal: nicht die Gretchen-Geschichte hat diesen hypochondrischen Dünkel (vgl.HÁ 9,222) verursacht, sondern der damit verbundene Gaunerstreich der vermeintlichen Freunde.

Nun führt R. Safranski  ein charakteristisches Vorkommnis an, das den Verlust von Unmittelbarkeit und der bedrängenden Erfahrung von Fremd- und Selbstbeobachtung begründen soll, indem er Goethe selbst seine drei Fehler nennen lässt: als erstes sein cholerisches Temperament, er sei aufbrausend doch nicht nachtragend, zweitens befiehlt er gerne, aber wo ich nichts zu sagen habe, da kann ich es auch bleiben lassen. Drittens seine Unbescheidenheit; er rede auch mit unbekannten Leuten so als kennte er sie schon Hundert Jahre. Dass diese in einem Brief an L.v. Buri gemachten Aussagen vom 23.5.1764 nicht von jenem gestörtem Selbstvertrauen zeugen, erschließt sich von selbst. (vgl. WA IV.1,1-4)

Nach R. Safranski hatte sich der an der Gretchen-Geschichte noch leidende Goethe mit Hilfe eines die Philosophie lehrenden Hauslehrers aus dieser Gefühlslage zu befreien versucht, denn eine Selbstbestätigung hatte er jetzt nötig, die sich dadurch eingestellt habe, dass Goethes Stolz herausgefordert war, beweisen zu wollen, daß er in solche Philosophen einzudringen fähig war. Wer in der primären Quelle nachschaut, wird lesen, dass  weniger die Philosophie, sondern die Erfahrung einer ungestörten Einsamkeit in und mit der Natur heilsame Gefühle und Gedanken in dem Jugendlichen weckte.

Die Sichtweise des R.Safranski erlaubt nicht den Schluß, dass Goethes Erkenntnis aus jener Zeit sein weiteres Leben bestimmen wird: Der Hauslehrer hätte mir nur sagen dürfen, daß es im Leben bloß aufs Tun ankomme, das Genießen und Leiden finde sich von selbst (HA 9, 222) Damals erfühlte der knapp 15-Jährige: es ist keine schönere Gottesverehrung als die, zu der man kein Bild bedarf, die bloß aus dem Wechselgespräch mit der Natur in unserem Busen entspringt!  (HA  9,223) Somit war die Gretchen-Geschichte eine äußerst wertvolle Erfahrung, die Goethe zu neuer Wahrnehmung und tieferen Einsicht geführt hatte.  – Ganz im Sinne jenes ersten mystischen Satzes…

Der Literaturwissenschaftler beendet sein erstes Kapitel mit dem Hinweis auf das »Mariage-Spiel«, das dem neugierig verspieltem Geist Goethes entgegen gekommen sei: So konnte er nach der unerfreulichen Gretchen-Geschichte noch eine Weile tändeln und üben und den Ernstfall in Liebesdingen, und nicht nur dort, hinausschieben, was er auch nannte: den gemeinen Gegenständen eine poetische Seite abzugewinnen.

Vielleicht zur Information: das Mariagespiel (HA 10,72) steht nicht im Zusammenhang mit den hier gemachten Ereignissen, es fällt in das Jahr 1775, und das angeführte Zitat entstammt einem anderen Kontext aus der Zeit um 1764. (HA 9.237)

Irgendwie befürchte ich auf einmal, dass mich weder »Goethekenner« noch Safranskiverehrer mögen werden, wenn ich so weiter mache. – Ich habe mich übrigens auch bei der Goethe-Gesellschaft nach einem Kommentar zum Kunstwerk des Lebens erkundigt und wurde diesbezüglich auf die Erscheinung des neuen Goethe-Jahrbuchs im Juli verwiesen. Vielleicht rege ich mich ja ganz umsonst auf oder sehe alles viel zu komplex. Sollte ich das zweite Kapitel noch lesen, werde ich wohl wieder nicht an mich halten können…

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