4) Erstes Kapitel (Fortsetzung)

Das Erste Kapitel ist voller komplexer Andeutungen, Vorgriffe in kommende Lebensereignisse, deren Ursachen teilweise in der Kinder- und Jugendzeit gesucht werden, wobei psychoanalytische Überlegungen von Sigmund Freud unkommentiert übernommen und entsprechend bestätigt werden.

Eigene Akzente zu setzen, indem bestimmte Situationen besonders beleuchtet werden, ist interessant und scheint auch das Anliegen von R. Safranski zu sein. Dass er dabei eigenwillig zu Werke geht, kann anregend sein.

Dennoch sollten die Nuancen nicht zu falschen Urteilen führen, weil die Tatsachen ungenau berichtet, recherchiert oder der eigenen Sichtweise angepasst werden.

Beispielsweise kommt der Autor zu dem Schluss, Goethe habe als Kind einmal Töpferwaren auf die Straße geworfen, weil er die Aufmerksamkeit der Mutter nicht mit Geschwistern teilen wollte. Nach Sigmund Freud, sei das Zerdeppern von Porzellan  Ausdruck einer Tötungsphantasie: die lästigen Konkurrenten um die Aufmerksamkeit der Mutter sollten verschwinden. Daher Wolfgangs geringe Betrübnis beim Tode des jüngeren Bruders. Der Autor teilt die Meinung Sigmund Freuds und fasst zusammen: Gewiß war Goethe der Liebling der Mutter und konnte daraus ein starkes Selbstgefühl entwickeln. R. Safranski meint, dass diese Episode als eine  Art Urszene für ein Lebensthema nachhaltig auf Johann Wolfgang gewirkt habe. Denn dieser wird später immer wieder davor warnen, sich von den Publikumsinteressen zu sehr beirren und bestimmen zu lassen.  –  Starke Assoziationslinien.

Goethe selbst berichtet darüber gleich zu Beginn seines ersten Kapitels in Dichtung und Wahrheit:  An einem schönen Nachmittag, da alles ruhig im Hause war, trieb ich im Geräms mit meinen Schüsseln und Töpfen mein Wesen, und da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf ich ein Geschirr auf die Straße und freute mich, daß es so lustig zerbrach. Die von Ochsenstein, welche sahen, wie ich mich daran ergetzte, daß ich so gar fröhlich in die Händchen patschte, riefen: »Noch mehr!« Ich säumte nicht, sogleich einen Topf, und auf immer fortwährendes Rufen: »Noch mehr!« nach und nach sämtliche Schüsselchen, Tiegelchen, Kännchen gegen das Pflaster zu schleudern. […] so stürzte ich alles, was ich von Geschirr erschleppen konnte, in gleiches Verderben. Nur später erschien jemand, zu hindern und zu wehren. Das Unglück war geschehen, und man hatte für so viel zerbrochene Töpferware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich besonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende ergetzten. (HA 9.11f.)

Was Freud u.a. dahinein interpretierten wissen wir bereits. Was stellt sich aber dar?  Johann Wolfgang muß noch recht klein gewesen sein: Für uns Kinder, eine jüngere Schwester und mich, heißt es kurz vorher – und von Händchen patschen ist die Rede.  Diese Episode trug sich daher möglicherweise noch vor der Geburt des 3. Geschwisterchen Hermann Jacob im November 1752 zu. Goethe war 3 Jahre und die Schwester 2 Jahre alt. Der Junge war allein in diesem Raum, er langweilte sich und warf das Geschirr schließlich fort, was ihm Spaß machte, da es geräuschvoll verschwand und er nun auch nicht mehr allein war, also Aufmerksamkeit bekam, allerdings nicht von der Mutter. Glaubhaft ist, was weiter geschah. – Es scheint weit hergeholt, einen unbewusst wirkenden Tötungswunsch gegen seine Schwester und seinen ( ggf. noch ungeborenen) Bruder für diese Handlungen verantwortlich zu machen.

Auch ist die gedankliche Verbindungskette zum Verhalten Johann Wolfgangs nach dem Tod seines Bruders Hermann Jacob weniger in der Befriedigung des Kindes durch den Wegfall eines brüderlichen Konkurenten zu suchen, sondern in der großen Enttäuschung des damals 9- jährigen Knaben, der sich für den kranken Hermann Jacob mehrere Lektionen ausgedacht hatte, die er dem 3 Jahre Jüngeren beibringen wollte. Diese Reaktion war normal und kindgerecht.

Wenn man die Familiensituation näher anschaut, wird klar, dass die Mutter tatsächlich grenzwertig überfordert gewesen muss und der Erstgeborene ab und zu sich selbst überlassen war, nicht nur während der Zeit umfangreicher Baumaßnahmen im Haus ab 1755 und während der französischen Einquartierung. Als Hermann Jacob starb, hatte die 28-jährige Mutter bereits 6 Geburten hinter sich – Johann Wolfgang, Cornelia (7.12.1750 / 8.6.1777 ), Hermann Jacob (27.11.1752 / 13.1.1759), Catharina Elisabeth (9.9.1754 / 22.1.1756), eine Totgeburt (1.4.1756) und  Johanna Maria (29.3.1757 /11.8.1759). 1760 bekam sie ihr 7. und letztes Kind, das im Alter von 8 Monaten verstarb. Auch Johann Wolfgang wurde von allen gefährlichen Kinderkrankheiten betroffen: jedesmal versicherte man mir, es wäre ein Glück, daß dieses Übel nun für immer vorüber sei; aber leider drohte schon wieder ein andres im Hintergrund und rückte heran. Alle diese Dinge vermehrten meinen Hang zum Nachdenken […] (HA 9,37) Es ist nachvollziehbar, wenn sich die beiden überlebenden Geschwister, Johann Wolfgang und Cornelia, eng aneinander schlossen.

Der Umstand, dass Goethe den Tod seiner Großmutter und seiner 4 Geschwister bis zu seinem 11. Lebensjahr erleben und verarbeiten musste, wäre erwähnenswert gewesen im Hinblick auf sein sich entwickelndes Verhältnis zum Tod, da insbesondere Goethes spätere Verhalten gegenüber Sterbenden, Beerdigungen und dem Tod von den Goethe-Biografen kontrovers und meistens abwertend beurteilt wird.

Die erste, dramatische Liebe des 14 /15- Jährigen geht bei Herrn Safranski leider schnell und etwas fälschlich berichtet vorüber. Doch dazu später irgendwann mehr, wenn ich wieder Zeit und Lust habe auf das Kunstwerk des Lebens.

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